„Was dann nachher so schön fliegt“ von Hilmar Klute

Alles wegschmeißen und immer wieder von vorne anfangen, so lautet der Rat von Heiner Müller an den Jungdichter in Hilmar Klutes Was dann nachher so schön fliegt. Es geht in der Welt des Literaturbetriebs eben nicht ohne dramatische Worte. Doch bevor man etwas wegschmeißen kann, muss man erstmal etwas schaffen und der Romanheld steht noch ganz am Anfang seiner Karriere. Zum Glück ist er widerspenstig genug, sich nicht vom Berliner Schreibschultotalitarismus indoktrinieren zu lassen und wählt lieber den Weg hinaus in die Welt.

Dass dieser 20-jährige Ich-Erzähler namens Volker Winterberg trotz jugendlicher Verblasenheit die Bodenhaftung nicht verliert, kann zum einen auf seine Herkunft zurückgeführt werden. Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, der weiß, dass er nicht der Nabel der Welt ist. Zum anderen rückt es die Dinge zurecht, wenn man als Zivildienstleistender – die Handlung spielt 1986 – im Altenheim jeden Tag alten Männern Urinarkondome überstreifen muss. Da ist es eine mehr als willkommene Abwechslung, mit fünfzehn anderen Nachwuchsautoren zu einem Wettbewerb der Berliner Festspiele geladen zu werden. Während sich die Seminare als Talent-Vernichtungs-Maschinen herausstellen, streift Volker mit der studentischen Hilfskraft Katja und dem dandyhaften Originalgenie Thomas durch Westberlin und lernt mehr über sich und das Schreiben als ihm zunächst klar ist.

Hilmar Klute ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die lyrische Form gelungen, das auch selbst auf jeder Seite mit bildsprachlichen Liebhaberstücken wie dem Folgenden glänzt: „Er sah aus wie ein Glas Milch, das keiner trinken wollte.“ Sein Roman strotzt vor Vers-Zitaten, kurzen Gedichtanalysen und kleinen Dichterporträts, ohne dass es belehrend oder billig wirkt. Im Gegenteil. Die Begeisterung seines Ich-Erzählers geht auf den Leser über und man wünschte sich, der eigene Deutschlehrer hätte Literaturgeschichte in der Oberstufe ebenso lebendig erzählt: „Enzensberger hat den selbstgefälligen Nachkriegsdeutschen ihre erbärmlich verlogene Geschichtstrauer aus den Köpfen geprügelt, Uwe Johnson hat den heimeligen Westdeutschen erzählt, wie schmerzlich Heimweh nach Deutschland ist, und Böll hat der Moral das Verlogene genommen und sie für die Literatur gerettet.“ Nur, wenn sich Volker zu den legendären Treffen der Gruppe 47 tagträumt, wird es sicher für den ein oder anderen Leser (ähh, mich) zu speziell.

Eine der wichtigsten Lektionen, die der Roman lehrt, wenn auch nicht neu: Gedichte entstehen nicht im Elfenbeinturm, sondern beispielsweise in direkter Nachbarschaft zu einer Aral-Tankstelle. Keine Szene fängt den Zauber der Poesie so schön ein wie Volkers Fahrradausflug zum Wohnort des verstorbenen Lyrikers Ernst Meister, das eben gegenüber einer solchen Filialtanke in Hagen steht. Während Volker noch vor dem Klingelbrett des Mehrfamilienhaus rumlungert, tritt ein älterer Herr mit Hund aus der Tür. Er habe den berühmten Nachbarn gut gekannt, aber nie etwas von ihm gelesen. Das sei ja was für Studierte. Nur einmal habe er in der Stadtbücherei heimlich nachgeguckt. Da habe in einem der Gedichtbände von Meister dieser eine Satz gestanden, den er sich gemerkt hat: >Du darfst nur nicht Liebe verraten<. „Für ein paar Sekunden standen wir uns fassungslos gegenüber. Er hatte mir sein Geheimnis mitgeteilt, vielleicht die fremdeste Erfahrung, die er in seinem Leben gemacht hatte. Und vielleicht die ihm nächste.“ Das ist es, was Lyrik in ihren großartigsten Momenten vollbringt: Sie öffnet Räume in uns, von denen wir nicht wussten, dass sie da sind.

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Ein Kommentar zu “„Was dann nachher so schön fliegt“ von Hilmar Klute

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