„Vox“ von Christina Dalcher

In Vox beschwört Christina Dalcher ein Amerika der nahen Zukunft herauf, in dem Frauen nur 100 Wörter am Tag sprechen dürfen. Der Roman will aufrütteln und wütend machen. Das tut er aber vor allem durch seine Schwächen.

Die düstere Vision, die Dalcher entwirft, wirkt wie am Reißbrett entworfen: Eine christlich-fundamentalistische Gruppe, die sich „Die Bewegung der Reinen“ nennt, hat in den USA die Macht ergriffen und baut die Demokratie Schritt für Schritt in eine Theokratie um, in der Männer alle Rechte haben und Frauen gar keine. Dieses Anti-Feminismus-Szenario hat sich Margaret Atwood bereits 1985 en détail in „The Handmaid’s Tale“ ausgedacht. Zweifelsohne fügt Dalcher dem altbekannten Erzählstoff ein sehr reizvolles Element hinzu, indem sie Frauen mundtot macht. Schon kleine Mädchen müssen am Handgelenk einen Wortzähler tragen, der sie mit Stromstößen bestraft, wenn sie mehr als 100 Wörter am Tag sprechen. Dieses Handlungselement wirft jedoch auch viele praktische Fragen auf, von denen die meisten im Laufe des Romans zwar thematisiert, aber nur vage beantwortet werden: Wenn Mütter nicht mit ihren Babies sprechen dürfen, wie lernen diese sprechen? Wie ist eine Wirtschaft aufrechtzuerhalten, in der plötzlich die Hälfte der Arbeitskräfte fehlt? Warum nutzen die Hauptfiguren nicht einmal die Privatheit ihres Schlafzimmers, um sich – meinetwegen heimlich unter der Bettdecke – mit Stift und Papier auszutauschen?

Zugegebenermaßen kann Romanheldin Jean McClellan nicht auf alle Fragen die passende Antwort parat haben, wenn sie auch mehr Einblicke in die Regierungsgeschäfte hat als die meisten, da ihr Ehemann als medizinischer Berater des Präsidenten im Weißen Haus arbeitet. Jean war eine von vielen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, die den politischen Aufstieg der christlichen Rechten nicht hat kommen sehen. Indem sie nicht wählen gegangen ist, hat sie ihrer Unterdrücker ungewollt mitunterstützt. Wie alle Frauen musste Jean ihre berufliche Karriere aufgeben, um ihrer „göttlichen Bestimmung“ als Ehefrau, Mutter und Hausfrau nachzukommen. Zuvor war sie eine anerkannte Neurolinguistin, die zum Thema Sprachverlust aufgrund von Hirnschädigungen forschte. Wie es der Zufall will, wird sie der Regierung dadurch wieder nützlich. Und auf einmal liegt das Schicksal des ganzen Landes in ihren Händen.

Leider taugt Jean überhaupt nicht als heldenhafte Kämpferin für Demokratie, Aufklärung und Gleichberechtigung. Vielmehr erfüllt sie alle möglichen weiblichen Klischees, die man sich nur vorstellen kann: Sie ist hysterisch („>Und ich bin nicht hysterisch.< Na ja, etwas schon.“), impulsiv, unentschlossen, untreu (ihr Liebhaber ist ausgerechnet ein heißblütiger Italiener namens Lorenzo) usw. Für eine promovierte Sprachwissenschaftlerin ist sie zudem erstaunlich schlecht darin, sich verbal auszudrücken. Nicht einmal einem Gespräch mit ihrem ältesten Sohn über biologischen Determinismus ist sie gewachsen. Seine sich auf die Bibel beziehende Argumentation von der Ungleichheit zwischen Mann und Frau hat sie sowohl in Gedanken als auch in Worten wenig entgegenzusetzen außer „das hat einen Scheiß mit Geschlecht zu tun.“

Ähnlich verloren wirkt auch die Romanfigur Jackie Juarez, eine politisch engagierte Freundin von Jean aus alten Studentenzeiten, die in der Geschichte als einzige öffentliche Gegenstimme zu der Bewegung der Reinen auftritt. Vor der Einführung der Wortzähler nimmt Jackie an einer TV-Debatte teil, in der sie von drei „Reinen Frauen“ quasi an die Wand argumentiert wird: „Sie hatten die Zahlen. Sie hatten Tabellen und Erhebungen. Eine stellte eine Sammlung einfacher Tortengraphiken vor – sie müssen das vorher abgesprochen haben, dachte ich – , während Jackie um Sendezeit kämpfte.“

Es erscheint schon fast absurd, dass ausgerechnet die religiösen Fanatiker immer wieder ihre selbst gebastelten Fakten in diesem Buch zum Besten geben dürfen, während diejenigen, die die Stimme der Vernunft darstellen sollen, völlig überrumpelt und ja, sprachlos, wirken. Christina Dalcher hätte die Chance gehabt, ihren Leserinnen schlagfertige Konter mit auf den Weg zu geben, wenn sie sich im Alltag mal wieder mit sexistischen und diskriminierenden Sprüchen konfrontiert sehen. Stattdessen spielt sie diesen Idioten auch noch in die Karten, in denen sie ihrem Früher-war-alles-besser-Stuss eine Plattform gibt. Dem Feminismus tut sie damit leider keinen Gefallen.

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