„Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“ von Lesley Nneka Arimah

Der Kurzgeschichtenband Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt (2019) von Lesley Nneka Arimah beginnt mit einem Knall. Oder besser gesagt: mit einem Schuss. Eine junge Frau wird mit ihrer Schwester verwechselt und von deren Liebhaber in den Rücken geschossen. In den wenigen Sekunden, in denen sie ihren Angreifer nicht kommen sieht und sich der Schuss aus der Waffe löst, entwickelt sich eine rasante Abfolge kurzer Szenen, die an den berühmten Film erinnert, den man angeblich im Angesicht des Todes vor seinem inneren Auge abspulen sieht: Ein Vater, der auf der Straße aufwächst, eine Mutter, die vor den Kämpfen des Biafra-Krieges flieht, zwei Töchter, die eine stur und schön, die andere „blasser im Ton und in der Persönlichkeit“.Die schöne Tochter verliebt sich in den Falschen, kehrt mit einem blauen Auge zurück in ihr Elternhaus, die andere Tochter erklärt sich bereit, ein paar Sachen aus der Wohnung der Schwester zu holen… Szenen voller Streit und Versöhnung, die auf diesen einen Moment hinauslaufen, in dem es knallt. Die Story mit dem nur ironisch zu verstehenden Titel „Die Zukunft sieht gut aus“ steht exemplarisch für das, was die Texte in diesem außergewöhnlichen Erzählband vereint: Sie sind originell im Aufbau, unberechenbar in ihrem Verlauf und nur selten nehmen sie ein gutes Ende.Arimah schreibt mit wild gewordenem Sarkasmus darüber, was es heißt, als Frau in Nigeria geboren zu sein. Von dem unglaublichen Druck, der von Gesellschaft und Familien (oder sagen wir Müttern) auf die Töchter ausgeübt wird; ihre völlige Unfreiheit, für sich Entscheidungen treffen zu können. Mehr als eine der Protagonistinnen wählt den vermeintlichen Ausweg in die Schwangerschaft, um respektabel zu werden, nur um dann feststellen zu müssen, in eine noch desolatere Situation geraten zu sein als zuvor.Am bittersten liest sich in diesem Zusammenhang wohl die Kurzgeschichte „Fallobst“ über eine Tochter, die mit ihrer Mutter durch die USA tingelt und von ihr dazu benutzt wird, Schmerzensgelder von Supermärkten zu kassieren, indem sie Stürze inszenieren.„Aus Selbstschutz lerntest du, richtig zu stürzen, weil dich deine Mutter zu fest stieß und aus zu großer Höhe fallen ließ. Ihr lebt seit Jahren vom Hinfallen, manchmal von ihrem, aber meistens von deinem. Ein schluchzendes Kind generiert mehr Mitleid als eine zwar hübsche, aber alternde Mutter mit einem Kind.“Als die Tochter mit 15 schwanger wird, hofft sie auf ein Einsehen der Mutter, dass es so nicht weitergehen kann. Bis sie beim Einkaufen tatsächlich stürzt und das Baby verliert. Nicht die Erwartungen der Tochter erfüllen sich, sondern die der Mutter, die voller Stolz jubelt: „Fünfhundertausend Dollar, Baby. Das ist mein Mädchen.“Was Arimahs Heldinnen an Selbstbestimmungsrechten fehlt, kompensieren sie durch ihr großes Selbstbewusstsein. Oder wie es im Buch gleich an zwei Stellen heißt: Es sind „Mädchen mit Feuer im Leib.“ Sie sind dickköpfig, aufmüpfig und können ganz schön fies sein. Arimah interessiert sich nicht für zu kurz gegriffene Opfer-Täter-Zuweisungen; die Wirklichkeit ist viel komplizierter. Es gelingt ihr, politische, religiöse, kulturelle und individuelle Umstände der Sozialisierung ihrer Figuren zu einem großen untrennbaren Ganzen zu verweben.Neben realistischen Erzählungen gesellen sich in diesem Buch mit größt möglicher Selbstverständlichkeit ein paar phantastische Parabeln. Darin geht es u.a. um ein menschenfressendes Baby aus Frauenhaar und eine Formel, die die Gesetze der Physik außer Kraft setzt. Auch diese Texte sagen auf geradezu verstörende Weise etwas über den gegenwärtigen Zustand unserer Welt aus, verweigern sich aber zugleich einer klaren Aussage. Für Amirah gilt, was dieser Tage auch über die verstorbene afroamerikanische Schriftstellerin Toni Morrison geschrieben wird: Ihre Geschichten sind nicht per se politisch, sondern vor allem literarisch. Ihr Fantasie- und Genrereichtum scheint keine Grenzen zu kennen – in dieser Sammlung gibt es keine Lückenbüßer, jede einzelne Story steht für sich und hallt noch lange im Leser nach.

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