„Schläge“ von Meena Kandasamy

Nie hätte Meena Kandasamy es für möglich gehalten, dass sie einmal Opfer häuslicher Gewalt werden würde. Sie, die selbst erklärte Feministin, die in ihren Gedichten freimütig über Liebe und Sex schreibt. Dann stürzt sie sich Hals über Kopf in die Ehe mit einem Mann, der ihr das Leben zur Hölle macht. In ihrem autobiographischen Roman Schläge erzählt die indische Autorin wie ihr Ex versuchte, sie systematisch zu brechen und wie sie es nach vier Monaten schaffte, von ihm loszukommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kandasamy über das Martyrium ihrer kurzen Ehe schreibt. Für ein Magazin verfasste sie bereits kurz nach der Trennung einen Artikel über die erlebte Partnerschaftsgewalt und erntete dafür nicht nur Mitgefühl, sondern auch Kritik, insbesondere auch von Feministinnen, die nicht verstehen konnten, wie ausgerechnet eine von ihnen sich hatte über Monate verprügeln und vergewaltigen lassen. Kandasamys Buch ist eine Warnung an alle, die glauben, sie seien gefeit davor, in eine missbräuchliche Beziehung zu geraten. Die Perspektive der emanzipierten Intellektuellen, die plötzlich in die Rolle der unterdrückten Hausfrau driftet, macht ihren Roman, der in der Ich-Form und in Rückblenden geschrieben ist, so interessant.

Er erzählt die Geschichte einer jungen tamilischen Frau, die dem Revoluzzer-Charme eines Ex-Guerillas verfällt. Anfangs ist sie fasziniert von seinem Doppelleben als gut gestellter Englischdozent und glühender Kommunist. „Ich liebte seinen Idealismus, ich fand seine dogmatische Besessenheit bezaubernd. Im Kampf gegen den Kapitalismus brauchten wir die standhaftesten Krieger. Er war einer, und er konnte auch aus mir eine Kriegerin machen.“ Wie sich herausstellt, ist ihr kleinbürgerliches Schriftstellerinnendasein in der Vorstellung ihres Geliebten nicht mit den Ideen der Arbeiterrevolution zu vereinbaren.

Bereits zwei Wochen nachdem sie zu ihm gezogen ist, in eine Stadt, in der sie niemanden kennt und in der die Einwohner eine Sprache sprechen, die sie nicht versteht, kommt es zum ersten Streit. Sie soll ihren Facebook Account löschen, ihre wichtigste Verbindung zu Freunden und zum Literaturbetrieb. In diesem Moment richtet ihr Mann seine körperliche Gewalt noch nicht gegen sie, sondern sich selbst. Er drückt so lange brennende Streichhölzer an seinem Arm aus, bis sie es nicht länger aushält und ihr Profil zwar nicht löscht, aber deaktiviert. Um ihr Gesicht nach außen hin zu wahren, setzt sie eine letzte Statusmeldung ab. „Ich zeichne das Porträt einer viel beschäftigten Frau und balanciere es sorgfältig aus. Ich befolge die typische Formel eines vorgetäuschten Schriftstellerlebens. Niemand hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie unsicher und allein ich mich fühle.“

Nach diesem ersten Sieg zieht der Ehemann seinen Feldzug gegen das angebliche Fehlverhalten seiner Frau erbittert fort. Den ehelichen Machtkampf  beschreibt die Ich-Erzählerin als Schachspiel: Sie der bedrohte König, der immer nur einen Schritt machen kann, ihr Mann die hysterische Dame, die tun und lassen kann, was sie will. Er ändert ihre Handynummer, löscht ihr Email-Postfach und ihre Computerfestplatte, er verbietet ihr Lippenstift und das Stöhnen beim Sex. Erst spät erfährt der Leser mehr von den körperlichen Misshandlungen, die mit den Streits einher gehen – das Schlagen mit dem Kabel des Mac Books, das an den Haaren über den Boden schleifen, die Tritte in den Bauch. Diese zeitlich verzögerte Thematisierung dient nicht allein dem Spannungsaufbau, sie vermittelt auch wie schwer es der Ich-Erzählerin fällt, das, was eigentlich nicht sein darf, mit sich selbst in Zusammenhang zu bringen.

Warum bleibt man bei einem gewalttätigen Mann?, ist die zentrale Frage in Kandasamys Roman. Sie versteht es, den Wust ihrer eigenen ambivalenten Gefühle und Gedanken in einer Klarheit aufzudröseln und zu formulieren, dass sie für jeden nachvollziehbar werden. Stolz und Scham. Verzweiflung und Hoffnung. Im traditionell geprägten Indien nicht zuletzt auch Pflicht und Schande. Die landläufige Meinung: „Guten Frauen passieren keine schlimmen Dinge“.

Nach allem ist das, was sie in den Augen ihres Mannes zu einer schlechten Frau macht, das, was sie in den vier Monaten davor bewahrt, den Verstand zu verlieren – das Schreiben. In ihrem Kopf werden die Auseinandersetzungen zu Filmszenen, in denen sie das Drehbuch und die Regie übernimmt. Heimlich tippt sie Briefe an imaginäre Liebhaber auf ihrem Laptop ab, die sie gleich wieder löscht, nur um die Genugtuung zu spüren, „etwas schreiben zu können, auf das mein Mann nie wird zugreifen können“. Auch das Ende ihrer Ehe fädelt sie mit den Mitteln der Sprache ein und erlangt so die Kontrolle über ihr Leben zurück.

Nicht jede Frau kann sich wie Kandasamy zurück in die Selbstbestimmtheit schreiben und so ihre Würde wieder erlangen – auch das ist Thema des Buches – aber ihre Geschichte, die sie so offen und ehrlich mit der Welt teilt, leistet wichtige Aufklärungsarbeit, macht Mut und weckt Solidarität. An einer Stelle, an der die Ich-Erzählerin von den Vergewaltigungen berichtet, schreibt sie, dass kein feministisches Standardwerk ihr beigebracht habe, wie sie damit umgehen solle. Vielleicht kann dieses Buch solch ein Wegweiser sein. Das größte Tabu im Umgang mit sexualisierter Gewalt ist wahrscheinlich immer noch das Opfer, das sich nicht zum Opfer machen lässt. Kandasamy schreibt mit Witz, Charme und Poesie gegen die Stigmatisierung an, der letzte Satz in ihrem Roman lautet: „Ich bin die Frau mit gebrochenem Herzen, die noch immer an die Liebe glaubt.“ Ein glückliches Ende eines Romans bedeutet nicht immer, dass der Mann die Frau bekommt.

Ein kostenloses Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt. Die Meinung in dieser Rezension ist meine eigene.

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