„Sommernomaden“ von Marianne Jungmaier

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Eigentlich finde ich Sätze wie „Das Cover ist ja sooo schön“ in Buchvorstellungen ziemlich daneben. Eigentlich. Bei Sommernomaden von Marianne Jungmaier mach ich aber eine Ausnahme, denn: Das Cover ist ja sooo schön! Und das Tropifrutti-Blattwerk darauf verströmt auch gleich den richtigen Urlaubsvibe. Denn dieser Story-Band, der sowohl an schwitzige Orte wie Curitiba und Kerala als auch ins schattige Schottland oder Island entführt, ist zugleich Balsam als auch Brennspiritus für die wanderlustige Seele.

Die Ich-Erzählerin ist ein echtes Hardcore-Exemplar solch eines von Fernweh geplagten Geistes. Sie knutscht mit einem Einhorn beim Burning Man Festival in Nevada, sie nimmt einen spirituellen Zaubertrank im Dschungel Brasiliens, irrt durch die Pavillons auf der Biennale in Venedig oder teilt sich mit anderen Kunstschaffenden eine Writer’s Residency in einem schottischen Schloss. Jungmaiers flirrende Erzählungen, die mehr kurzen, intensiven Urlaubsschnappschüssen gleichen (und sich deshalb genauso gut in 5 Minuten Häppchen wie auch am Stück lesen lassen), nehmen einen dorthin mit, wo man selbst gerne schon einmal gewesen wäre.

Ähnlichkeiten zum Leben der Autorin sind dabei nicht ganz zufällig. Lange Zeit sei sie ohne fixen Wohnsitz gewesen, erzählt Marianne Jungmaier, Jahrgang 1985, in einem Zeitungsinterview. Jede Destination, an die es ihre Protagonistin von Kapitel zu Kapitel verschlägt, hat die Österreicherin selbst – zum Teil für längere Schreibaufenthalte – bereist, was man ihren lebendigen Schilderungen von Land und Leuten anmerkt. Dabei geht es ihrer Ich-Erzählerin weniger um die Begegnung mit anderen Kulturen als um die Suche nach Gleichgesinnten.

„Der Ort ist nebensächlich. Es ist die Schwingung, die wir teilen“

Da ist Sergio aus Bologna, den die Erzählerin immer in anderen Städten, aber nie in Bologna trifft, um sich mit ihm eine Schlafcouch und Streicheleinheiten zu teilen, Raphael und William, mit denen sie in Indien Tür an Tür wohnt und die in London nur wenige Straßen voneinander entfernt leben, ohne sich dort je begegnet zu sein oder Audrey, mit der sie barfuß unter Palmen Tango getanzt hat und die ihr jetzt die Clubszene von Berlin zeigt.

Die Geschichten in diesem Buch erzählen von Freundschaften wie sie nur dort entstehen können, wo man gemeinsam fremd ist, wo man weit weg und doch ganz nah bei sich ist und wo man aufgrund der Temperaturen häufig so nackig  rumläuft, dass man jemanden nicht anhand seiner Kleidung in eine Schublade stecken kann, sondern sich die Zeit nehmen muss ins Gespräch zu kommen. Jeder trage einen Reiseführer in sich, heißt es im Buch, in dem die wichtigsten persönlichen Daten wie das Herkunftsland, das geistige und physische Alter, der Glaube an das Gute oder Böse oder das Sternzeichen stehen. Diese inneren Landkarten lassen einen erkennen, ob man bei jemandem Zuhause ist oder nicht.

In „Sommernomaden“ taucht also auch das Phänomen einer global wachsenden Community auf, die geographisch über die ganze Welt verstreut liegt, aber digital miteinander vernetzt ist. Dadurch enstehen nicht nur ganz neue Arten von Bekanntenkreisen, sondern auch eine neue Form des Reisens, die Plattformen wie Airbnb mittlerweile perfektioniert und kommerzialisiert haben: Sei bei einheimischen Gastgebern zuhause und erlebe einen Ort, als ob du dort wohnen würdest. Im Buch kommt das alles noch sehr familiär und unschuldig daher. Man lernt einen Seelenverwandten in einem Ashram in Indien kennen und findet sich irgendwann später an seinem Küchentisch irgendwo in Europa wieder. Jungmaier fängt die zarte Wunderbarkeit solcher kaum vorhersehbaren Begegnungen ein, aber auch ihre Flüchtigkeit, denn es bleiben Begegnungen mit einem Willkommen und einem Abschied.

„Mein tribe ist über die ganze Welt verteilt. Seine Stammesältesten sind unsichtbare Wesen, die in den banyan trees der backwaters leben. Sie winden sich um Luftwurzeln und ich huldige ihnen, indem ich Curry koche. Die Farbe der Kurkuma, der Gelbwurz, ist nicht lichtecht und verschwindet nach einiger Zeit von selbst. Darin ähnelt sie unserer Verbindung: Sie ist intensiv im Geschmack und verblasst mit der Zeit.“

Dieser schmale Erzählband ist unbedingt lesenswert für alle Vagabunden mit wundgescheuertem Herzen und poetischer Ader da draußen, die sich für eine kurze Zeit verstanden und aufgehoben fühlen wollen, wobei mich der Sound sehr an Teresa Präauer erinnert hat. Die beiden Schriftstellerinnen stammen nicht nur beide aus Linz, sondern haben auch einen sehr ähnlich künstlerisch-sensiblen Erzählstil, der sich bei aller Schlechtigkeit der Welt sein Staunen bewahrt hat. Ich denke, es wird nicht meine letzte Begegnung mit Marianne Jungmaier gewesen sein. Es ist ein Abschied auf Zeit.

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