„How to be Parisian“ von Sophie Mas, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest

deep read_How to be Parisian

Non, isch bin keine Pariserin. Und will auch nie eine werden. Wenn ich zu einer Erkenntnis nach dem Durchblättern von How to be Parisian wherever you are gekommen bin, dann dieser. Es gibt nämlich bestimmte Verhaltensweisen, die ich partout versuche mir – aus Rücksicht auf meine Umwelt – abzugewöhnen, um nicht als total von mir selbst eingenommen, mäkelig oder einfach nur anstrengend zu gelten. Irgendwas habe ich da wohl falsch verstanden, denn all diese innerlich Mir-auf-die-Patschefinger-Hauer scheinen durchaus erstrebenswert, möchte man einem ganz bestimmten Ideal entsprechen, das von den vier befreundeten Autorinnen dieses Stil-Ratgebers propagiert wird.

„Es geht um die ganze eigene Kunst der Pariserin, eine Frau zu sein. Darum, gleichzeitig organisiert und chaotisch zu sein, stolz und doch voller Selbstzweifel, loyal und doch untreu. Es geht um unsere Allüren, unsere Lässigkeit, unseren Style, wie wir lieben, wie wir unsere Tage und Nächte verbringen.“

Mir scheint, diese Pariserin ist vor allem in einer Sache Weltklasse: Viel Tamtam um ein bodenloses Nichts machen. Die dünnen  Textchen enthalten entweder Botschaften, die von jedem Frauenmagazin bereits so zerschlissen wurden, dass man durchgucken kann (der Minirock verträgt kein Dekolleté; niemals ins Bett gehen, ohne sich vorher abzuschminken) oder sich zum Teil sogar widersprechen (Wenn man nackt ist und seinen Hintern nicht mag, einfach mit dem Rücken zur Wand entlang gehen und stattdessen die Brüste zeigen. Zwei Zeilen weiter: Sei keine Sklavin des Körperkultes und mach das Beste aus dem, was du hast! … Ja, watt denn nu?). Aber ich vergaß: Die Pariserin darf sich so gegensätzlich ausdrücken, denn sie ist ja (s. oben) „stolz und doch voller Selbstzweifel“. Haha, wie besonders.

Zum ersten Mal gehört von dem Hype um dieses dekorative Coffee-Table-Buch habe ich letzten Sommer in diesem FAZ-Artikel. Das englische Original war das Must have der Saison, dessen Cover ich dann ständig auf Instagram und Mode-Blogs hübsch drapiert auf zahlreichen Couchtischen von Hay wiedergesehen habe. Diesen Sommer steht die deutsche Ausgabe auf den Bestsellerlisten!!! Jetzt, nachdem ich es selbst hier liegen habe, frage ich mich: Warum wird das gekauft? Mich beschäftigt sowas ernsthaft. Und ich komme nicht drumrum, ganz boshaft zu denken: Das sind doch dieselben Frauen, die mit der Cosmopolitan und Sex and the City sozialisiert wurden, die dieses Unbuch kaufen, um sich bestätigen zu lassen, dass es vollkommen okay ist, ein Date in allerletzter Minute abzusagen oder sich mit Shopping zu belohnen – schließlich machen das die Grand Dames aus der Stadt des exquisiten Geschmacks auch so.

Was ich aber besonders schade finde, ist, dass die Autorinnen höchst wahrscheinlich wirklich mehr weiterzugeben hätten als Schminktipps, Kochrezepte oder ein Einmaleins der Untreue. Sie alle sind jung und schaffen irgendwie den Spagat zwischen Geschäftstüchtigkeit, Kreativität und Familie. Anne Berest schreibt für Fernsehen, Film und Theater. Audrey Diwan ist Journalistin und führt gerade Regie bei ihrem ersten Spielfilm. Caroline de Maigret gründete 2006 ihr eigenes Musiklabel und setzt sich für die Frauenförderung ein. Sophie Mars leitet ihre eigene Filmproduktionsfirma. Klar, das Buch heißt „Liebe, Stil & Lässigkeit à la francaise“, aber zum Thema Mutterschaft und Kindererziehung finden sich zumindest auch ein paar Seiten – warum also nicht zum Thema Karriere? Es scheint, das wahre Geheimnis des Erfolgs der Pariserin bleibt weiterhin ein Geheimnis.

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11 Kommentare zu “„How to be Parisian“ von Sophie Mas, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest

  1. Danke für diese aufschlussreiche Rezension!
    So etwas hatte ich fast schon befürchtet, als ich mir Gedanken über dieses Buch gemacht habe. Und es bestätigt mich darin, dieses Buch weder zu kaufen, noch zu lesen, denn dieser Typ (französische) Frau bin ich, wie es scheint, eindeutig nicht! xD
    Dennoch vielen Dank für deine ehrlichen Worte!

    • Naja, normalerweise tue ich mich schwer damit, ein Buch böse zu beschimpfen. Aber ich denke, da der Titel aktuell auf Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste steht, kann er die ein oder andere Kritik einstecken 🙂

  2. Ich habe mich gespannt auf diese Rezension gestürzt um zu erfahren, ob ich etwas verpasst habe. Das Buch hatte ich nämlich noch im Hinterkopf als „Wolltest-Du-Doch-Noch-Lesen“. Bin aber nun glaubwürdig beruhigt, dass das Geheimnis der Französinnen dort nicht enthalten ist. Die tollen und charmanten Französinnen, die ich früher kennengelernt habe, verbinden nämlich Klasse mit Natürlichkeit. LG, Sarah

  3. Liebe Karo,
    mir schien ja schon immer dieserMythos von der Pariserin ein wenig übertrieben zu sein. Sicher, man trifft da diese eleganten Frauen mit den exklusiven Tüten relativ häufig – wenn sich man am richtigen Ort im richtigen Quartier des richtigen Arrondissements bewegt. Ich hatte in Paris beim Betrachten dieser Damen in den Cafes / Bistros oder auf den Boulevards immer den Eindruck von am Ende recht dümmlichen Luxusweibchen, die selbst im Gespräch nichts weiter als Shopping im Koppe hatten. Andererseits glaube ich einfach, dass schon aus Geldgründen diese Art der Pariserin zwar mehr auffällt (Mythen in Tüten sozusagen) aber doch ziemlich in der Minderheit ist. Denn die Pariserin gibt es auch in den vielen ,falschen‘ Arrondissements, da, wo es nicht mehr ganz so elegant und exklusiv und manchmal eher ärmlich zugeht. Wenn man sich da in ein Bistrot setzt oder in ein Eck-Café sn den Tresen stellt, bekommt man ganz andere Menschen mit, und eine Menge rauer Herzlichkeit. Und dort ist ,die‘ Pariserin von ganz anderer, eher existenzieller Eleganz, ohne die exklusiven Tüten und doch mit einer gewissen Haltung. Rein quantitativ dürfte diese ,Pariserin‘ in der Mehrheit sein – und natürlich wird es noch zig andere Pariserinnen geben, die ebenfalls nicht dem Klischee entsprechen.
    So gesehen ist dieses Buch mit diesem halb-debilen Titel auf den ersten Blick eines der Sorte ,Gequirlter Quark‘ und tatsächlich finde ich es nur schwer verständlich, warum sich Menschen mit so nem Nicht-Thema beschäftigen. Aber sie tun es, das macht schon ein Blick auf die unvermeidlichen Spiegel-Bestsellerlisten klar. Ich nehme an, das ist so ein Art Brot und Spiele-Ding, dass das Volk ruhig und dumm halten soll, klappt ja auch ganz prima. Dazu passen dann diese ganzen Tratsch-Sendungen im TV, die längst auch im öffentlich-rechtlichen TV angekommen sind (war jetzt zwei Wochen im Krankenhaus, da kriegt man so einiges mit) und Zeitschriften wie Gala oder Bunte.

    Anyway, ich habe Deine Besprechung, die Deinen zunehmenden Ärger über das Buch so schön rüberbringt mit grossem Vergnügen gelesen und konnte nun leider nicht anders, als meine gequirlten Gedanken, die Deine Besprechung und dieses seltsame Coffetable Buch (auch wieder so ne Erscheinung) bei mir ausgelöst haben, hier hinzuschreiben.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai, weißt du, was mich eigentlich am meisten stört ist, dass die Macherinnen von „How to be Parisien“ gar keine Luxus- oder Markenweibchen sind (dafür sind sie zu Boheme) und trotzdem genau für diese Klientel, die glaubt, man könne Stil in Tüten (oder Büchern) kaufen, schreiben. Und dass die Autorinnen sich selbst in ihrem Ratgeber als Intellektuelle und Feministinnen bezeichnen und inszenieren, und dann nur so schlecht zusammengetackerte Allgemeinplätze zustandebringen. Aber da sich das Buch hervorragend verkauft ist die Frage: Sind die Autorinnen echt so blöd oder in Wirklichkeit unglaublich schlau? Naja, die Gala lese ich ganz gern mal beim Friseur, aber zwei wochenlang im Krankenhaus – du hast mein absolutes Mitgefühl!!! Ich wünsche dir weiterhin gute Besserung und ein schönes Wochenende, Karo

  4. Hallo Karo,

    dankeschön für deine Rezension. Mich interessiert das Buch selbst irgendwie, kein Wunder, wenn man ständig mit Fotos von diesem Cover bombardiert wird. Vielleicht wissen die 4 Pariserinnen wirklich etwas, was ich auch wissen müsste.
    Nun, diese Neugier habe ich jetzt erstmal nicht mehr. Danke.

    Das Buch macht es wohl so, wie die meisten Frauenzeitschriften es handhaben: Vielversprechende Titel, aber eigentlich bekommt der Leser nur viele Bilder und ein paar Zeilen Text, die gleich wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Genau deshalb boykottiere ich Frauenzeitschriften sehr erfolgreich seit mehreren Jahren und das werde ich auch mit den Parisianistas tun.

    Konntest du dem Buch überhaupt irgendeine nützliche Information entlocken?

    Liebe Grüße,
    Janine

    • Hi Janine, geht mir genauso: Wenn ich das Bedürfnis nach Gossip und Beautythemen habe, lese ich Blogs, gebe aber kein Geld für Frauenzeitschriften aus, die einem „Liebe dich selbst“-Artikel direkt neben Diättipps präsentieren. „How to Parisian“ ist genauso widersprüchlich – nur ohne die Werbeanzeigen dazwischen. Es gibt sicher ein paar gut gemeinte Ansätze, z.B. dass jede Pariserin (Französin) von einer Simone geprägt ist, die einen bestimmten Typus verkörpert: Simone Veil, Simone de Beauvoir oder Simone Signoret – diese Analogie ist aber nicht neu. Man kann also sagen: Die Autorinnen haben bereits Bekanntes hübsch aufbereitet, wirklich neue Erkenntnisse sucht man jedoch vergebens. Also kauf dir lieber einen neuen Lippenstift anstatt dieses Buches *hihi* haste mehr von 😉 Liebste Grüße zurück, Karo

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