Interview mit Jo Platt zu „Herz über Kopf“

 

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Auf Facebook oder Instagram habt ihr es vielleicht schon mitbekommen: Im Mai lud der Rowohlt Verlag ins englische St. Albans ein, um die zauberhafte Debütautorin Jo Platt zu treffen. Warum ausgerechnet St. Albans, vor den Toren von London? Weil Jo Platt dieses beschauliche Städtchen als Schauplatz für ihren ersten Roman Herz über Kopf gewählt hat. Eine very, very british romantic comedy, die Fans von Jojo Moyes oder Helen Fielding lieben werden.

Herz über KopfDenn Ich-Erzählerin Rosalind, kurz Ros, ist eine mindestens genauso chaotische und zugleich liebenswerte Heldin wie Bridget Jones. Nachdem ihr Beinahe-Bräutigam (im Buch nur „die Ratte“ genannt) sie am Altar hat stehen lassen, zieht Ros von London aufs Land, um dort einen Neuanfang zu wagen. Sie wird Mitinhaberin eines kleinen Buchladens und schließt schnell Freundschaft mit ihren etwas schrulligen Kollegen. Nur mit ihrem Nachbarn Daniel liegt sie ständig im Clinch: Erst überfährt er ihr Meerschweinchen Mr. Edward mit dem Rasenmäher, dann fällt sie nachts in seine Hecke und danach ertappt er Ros dabei, wie sie im Restaurant auf ein Blind Date wartet, das nie auftaucht. Aber ihr Füchse ahnt es sicher schon: Was sich liebt, das neckt sich.

Nicht nur viele der Buchcharaktere basieren auf realen Personen aus Jo Platts Familien- und Freundeskreis, auch die meisten Plätze, die in der Geschichte vorkommen, existieren wirklich. Und so fand das Gespräch mit der Autorin stilecht im „The Six Bells“ – dem Lieblingspub von Rosalind – statt.

Jo, du hast mit deinem Mann und deinen zwei Töchtern an verschiedenen Orten gelebt und in unterschiedlichen Jobs gearbeitet, bevor du mit dem Schreiben angefangen hast. Wie ist es überhaupt zu deinem Roman gekommen?

Eigentlich wollte ich nur herausfinden, ob ich überhaupt ein Buch schreiben kann. Ich hatte schon ein paar kürzere Sachen geschrieben, die meine Freunde ganz witzig fanden. Eines Tages fragte mich eine Freundin: Warum schreibst du nicht etwas Längeres? Also habe ich es probiert, aber niemanden davon erzählt. Ich habe das Buch heimlich geschrieben. Weil ich nicht wollte, dass die Leute mich ständig danach fragen oder mitkriegen, wenn ich mittendrin aufgegeben hätte.

Also hattest du gar nicht vor, das Buch zu veröffentlichen?

Nein, so weit habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe einfach ein Kapitel geschrieben, darüber gelacht, und das nächste Kapitel geschrieben. Aber es gab dann doch eine Freundin, die von dem Buch wusste, und es unbedingt lesen wollte. Sie war danach total aus dem Häuschen – ohne sie hätte ich gar nichts unternommen. Eine Freundin, die als Bucheinkäuferin arbeitet, riet mir dann, es ein paar Literaturagenten zu schicken. Aber ich habe immer nur ein Standardschreiben zurückbekommen, auf dem stand: Nein, danke!

Letztendlich hast du es dann auf Amazon selbst publiziert…

Ja, das war die Idee einer anderen Freundin. Ein paar Leute haben es gelesen, es positiv bewertet und so kamen die Dinge ins Rollen. Ein lokaler Radiosender hat mich zu einem Interview eingeladen und der Interviewer meinte: Schick es doch noch einmal an eine Agentur oder einen Verlag. Das habe ich gemacht. Meine jetzige Agentur, Dahlia Anderson, hat sich noch am selben Tag zurückgemeldet. Sie haben die Sache in die Hand genommen und das Buch  in viele Länder verkauft.

Dein Debüt erscheint u.a. in Brasilien, Italien und in Deutschland. Muss ein tolles Gefühl sein!

Ja, was ich besonders spannend finde ist, dass Menschen überall auf der Welt anscheinend einen ähnlichen Humor teilen. Humor ist ja eigentlich eine sehr persönliche Sache und man weiß nie, was Leute witzig finden und was nicht. Aber wie sich herausstellt, haben wir doch vieles gemeinsam.

Wie lange hast du denn eigentlich für den Roman gebraucht?

Das Schreiben vom Anfang bis Ende hat weniger als ein Jahr gedauert. Aber ich habe danach sicher noch ein weiteres Jahr lang damit gehadert. Weil ich so nervös war, ob es gut ist und jemandem gefallen würde. Ich bin sehr dünnhäutig. Selbst wenn jemand ganz nett sagt, dass er etwas nicht mag, ist das hart für mich. Wenn man ein Buch veröffentlicht, ist man vollkommen ausgeliefert. Wenn ich auf Amazon auch nur eine schlechte Bewertung lese,  kann ich schlecht damit umgehen. Aber das muss man abkönnen, auch wenn es schwerfällt.

Warum hast du ausgerechnet St. Albans für das Setting gewählt?

Kurz bevor meine Familie und ich selbst nach St. Albans gezogen sind, lebten wir zwei Jahre in Seattle. Ich habe Seatte geliebt, aber wir mussten leider zurück nach England. Zu dieser Zeit wurde St. Albans so etwas wie ein Zufluchtsort für mich. Genau das ist es auch, was Rosalind braucht. Zu Beginn des Buchs ist sie am Boden zerstört, weil der Mann, den sie liebt, sie verlassen hat. London wird ihr zu viel. Obwohl St. Albans nicht weit entfernt liegt, fühlt sich der Ort sicher und gemütlich an. Als ich die Geschichte schrieb, wollte ich genau dieses Gefühl von Gemütlichkeit vermitteln. Es gibt eine überschaubare Anzahl an Protagonisten, der Buchladen, in dem die Hauptfigur arbeitet, ist sehr gemütlich und selbst das Drumherum wirkt in sich geschlossen.

Tatsächlich hilft Rosalind dieser Ort, um zu heilen. Wie würdest du die Entwicklung beschreiben, die deine Heldin durchmacht?

Am Anfang befindet sie sich an einem dramatischen Tiefpunkt in ihrem Leben. Sie hat es einfach nicht kommen sehen. Dadurch ist sie extrem ich-bezogen geworden. Als ihr Nachbar Daniel vor der Tür steht, um sich dafür zu entschuldigen, dass er aus Versehen ihr Meerschweinchen überfahren hat, ist sie extrem unhöflich. Ich denke, der Moment, in dem sie zu ihm rübergeht, um sich für ihr Verhalten zu entschuldigen, ist ein wichtiger Wendepunkt. Zum ersten Mal nach langer Zeit denkt sie nicht nur an sich, sondern versetzt sich in die Lage von jemand anderem. Sie beginnt wieder, sich für ihr Umfeld zu interessieren.

Was würdest du sagen unterscheidet deinen Roman denn von anderen typischen Boy-meets-Girl-Geschichten?

Ich finde allein den Einstieg recht ungewöhnlich. Ros telefoniert mit ihrer Schwester. Die Schwester fragt, ob alles in Ordnung sei und Ros antwortet: Nein, das Meerschweinchen ist tot. Das gefällt mir, weil es sofort den Erzählton trifft, der ziemlich skurril ist. Außerdem habe ich versucht, ein paar Rätsel in den Text einzubauen. Es befinden sich darin ein paar Hinweise, die Ros gibt, ohne es selbst zu bemerken. Das heißt, man kann zwar ahnen wie die Geschichte in etwa ausgeht, aber bis dahin hoffe ich, dass die Leser sich fragen, warum Ros Verlobter abgehauen ist. Es gibt versteckte Andeutungen darauf, warum er sie verlässt. Zum Beispiel fällt auch nicht jedem Leser auf, dass Bobby, eine der Nebenfiguren, nie spricht. Es heißt immer nur: Bobby sagte, … Immer wenn mich jemand darauf anspricht, freue ich mich. Ich hoffe, das verleiht der Story etwas mehr Tiefe und verleitet zum Nachdenken. Ich wollte, dass die Menschen beim Lesen gute Laune bekommen, aber auch, dass sie später auch noch mit anderen darüber diskutieren können.

Vielen Dank, Jo, für das schöne Gespräch und dass du dir so viel Zeit genommen hast!

Und vielen Dank auch noch einmal an den Rowohlt Verlag, der diese Reise ermöglicht hat.

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