„Abbey Road Murder Song“ von William Shaw

IMG_20131115_190232[1]Wenn ich mich in die jüngere Vergangenheit zurückbeamen könnte, dann am liebsten in die Swinging Sixties – der Urknall der Popkultur. Keimzelle dieser aufregenden Ära des Sex, Drugs & Beat war ganz klar London. Und genau hier, vor der kontrastreichen Kulisse aus quitschbunten Paisleymustern und eintöniger Nachkriegstristesse spielt der Polizeikrimi Abbey Road Murder Song von William Shaw. Bei so viel stylishem Retro-Flair gerät der erste Fall des Ermittlerteams Breen & Tozer fast zur Nebensache.

Es ist 1968: Die Beatles nehmen gerade ihr Weißes Album in den Abbey Road Studios auf, in der ehemaligen britischen Kolonie Nigeria tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Beide Ereignisse finden eine Verbindung in der Leiche eines jungen Mädchens, das nackt auf einem Müllhaufen in der Abbey Road gefunden wird. Detective Cahal „Paddy“ Breen wird mit dem Fall betraut. Breen ist zwar erst dreißig, aber einer der alten Schule. Die Hippie-Kids im Londoner Westend sind ihm so fremd wie Aliens vom anderen Stern:  „Diese jungen Menschen lebten in einer anderen Welt. Männer wie er […] waren in der Hoffnung aufgewachsen, einmal bessere Anzüge zu tragen als ihre Väter. Diese hier wollten gar keine Anzüge tragen. Sie interessierten sich nicht dafür, Karriere zu machen, in der Welt der Erwachsenen einzutreten. Sie wollten niemals richtig erwachsen werden.“

In den letzten Jahren hat Breen seinen kranken Vater zu Hause gepflegt, für kindische Flausen blieb da keine Zeit. Jetzt fühlt er sich um diese Zeit betrogen, schlingert orientierungslos durch die Umlaufbahn seines Lebens und kriegt die Flatter, wenn es auf Streife brenzlig wird. Zuletzt hat er einen Kollegen, der mit einem Messer bedroht wurde, einfach stehen lassen und ist weggerannt. Auf der Beliebtheitsskala im Morddezernat steht er jetzt ganz unten. Er sollte den Fall in der Abbey Road also besser lösen. So richtig in Schwung kommen seine Ermittlungen aber erst, als man ihm die quirlige Praktikantin Helen Tozer zur Seite stellt. Tozer ist die erste Frau in der Kriminalabteilung und damit wohl die Einzige, der man noch mehr Spott und Häme entgegenbringt als Breen. Zum Glück hat sie eine große Klappe (man könnte auch sagen: Sie quasselt ununterbrochen). Außerdem ist Tozer ein großer Beatles-Fan und kennt sich in der Fab Four-Szene gut aus, der auch das Mordopfer angehörte.

TV-Serien wie „Mad Men“ haben es vorgemacht – der Schick der Sechziger ist zurück. Es ist zum einen eine gesamtgesellschaftlich spannende Zeit der Umbrüche und Verwirrungen. Es darf noch gequarzt und gesoffen werden, was das Zeug hält, die Emanzipation wird gerade erst erfunden, die Jugend hat noch etwas, gegen das sie ernsthaft rebellieren kann, aber auch aus ästhetischer Sicht hat die Dekade viel reizvolles zu bieten. Im Büro klappern die Olivetti-Schreibmaschinen, in Soho’s Straßencafés sitzen parfümierte, langhaarige Werbefuzzis, kurze Schnappschüsse im Vorbeigehen: „Ein flüchtiger Blick ins Wohnzimmer eines georgianischen Hauses auf eine gelb überstrichene Mustertapete und einen riesigen roten Lampenschirm aus Papier, der von einer Stuckrosette herabhing. Hellblaue Triumphs und knallrote Minis parkten auf der Straße.“

Breen ist ein Wanderer zwischen der alten und der neuen Weltordnung, ohne wirklich dazu zu gehören. Als Outsider mit einem Blick für Details und Abgründe ist er die perfekte Hauptfigur für diesen absolut coolen Retro-Krimi. Um dennoch modern zu klingen, wählt William Shaw eine allwissende Erzählperspektive, die in ihrem Gestus mehr im Hier und Jetzt verankert ist, und macht damit alles richtig. Shaw ist nicht nur Schriftsteller, sondern von Hause aus Journalist. Er hat u.a. für ein britisches Punk-Magazin geschrieben, Nachwuchs-Rapper in L.A. portratiert und sich undercover in die rechte US-Musikszene eingeschleust. Mehr als ein rundum geglückter klassisch-britischer Polizeiroman ist „Abbey Road Murder Song“ deshalb auch ein hipper Kommentar auf das Zeitgeschehen, der mächtig Vibe hat.

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8 Kommentare zu “„Abbey Road Murder Song“ von William Shaw

  1. Das klingt ja interessant! Die ewige Palette an Standard- Krimis zwischen Alpenmördern, skandinavischen Frusties, Elisabeth George und Co. und modernen Knochensortierern und Profilern habe ich nämlich so etwas von satt!
    Aber so ein Zeitgemälde aus den Sixties, gemischt mit etwas Sex and Crime and Rock’n Roll hört sich witzig an. Ich brauche noch etwas Lesestoff für den Weihnachtsurlaub…

    • Dann ist „Abbey Road“ genau das richtige Kontrastprogramm, lieber Stefan! Es ist zwar auch ein klassischer Krimi, der das Rad nicht neu erfindet, aber doch etwas Eigenes, Charismatisches auf die Beine stellt, klasse Figuren, klasse Orte und Entwicklungen mit sich bringt. ich freu mich schon auf den zweiten Teil 🙂

  2. Tolle Rezension und – in der Tat – grandioses Foto, Karo! Ich bin ja in den 60ern steckengeblieben, liebe die Beatles, Dylan, die Kinks und was da musikalisch noch so umging .. klingt also nach dem richtigen Buch für mich! Bin schon öfter drüber gestolpert, aber hatte einfach keine Zeit.

  3. Pingback: William Shaw: Abbey Road Murder Song | crimenoir

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