„Null bis unendlich“ von Lena Gorelik

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Manche Menschen sind nicht für die Liebe gemacht. So wie Nils Liebe, das ist wirklich sein Name. Nils Liebe ist ein Einzelkind, das „immer einzeln geblieben“ ist und dem Bücher sympathischer sind als Menschen. Bis Nils Liebe Sanela trifft. Ein Mädchen, das nicht so einfach zu lesen ist. Und weil es für den 14-Jährigen eine ganz neue Erfahrung ist, dass er etwas nicht versteht, verliebt er sich in Sanela. Und wird sie ein Leben lang weiterlieben, egal wie weh das tut.

Mit Null bis unendlich hat Lena Gorelik einen Liebesroman geschrieben, der keiner ist. Mit zwei Liebenden, die keine sein wollen, die nichts fühlen wollen und doch alles füreinander empfinden, die einem als Leser eigentlich unsympathisch sein sollten, weil sie andere Menschen für ihr Normalsein verachten, und doch habe ich am Schluss Rotz und Wasser um die beiden geheult.

„Nils, das ist Sanela. Sanela kommt aus Jugoslawien zu uns. Sie spricht unsere Sprache nicht, noch nicht, und sie wird Hilfe brauchen. Mit der Sprache und auch in den anderen Fächern. Es wäre schön, wenn du dich ihrer annehmen und ihr helfen würdest. Den Unterrichtsstoff kannst du ja schon. Du kannst ja alles.“

Mit diesen Worten der Klassenlehrerin lernen sich Nils und Sanela im Jahr 1992 kennen. Da weiß Nils noch nicht, dass er sich mit diesem Mädchen, das ganz alleine aus dem Krieg gekommen ist, auch ohne Worte unterhalten kann, dass er kurze Zeit später mit ihr in einen Zug steigen wird und ihr zurück zu den bosnischen Grabenkämpfen und ans stürmische Meer folgen wird, und dass er sie zweimal verlieren wird, durch einen Selbstmordversuch und an eine Krankheit. Letztlich auch ans Meer, wenn man so will. Hier beginnt der Roman, in der Gegenwart, mit Sanelas Gedichten, die Nils Liebe am Strand verbrennt. Neben ihm steht Niels-Tito, der Junge, der nicht sein eigener ist, aber ihm ähnlicher, als man glaubt.

Im Klappentext heißt es, dies sei ein Roman „darüber, warum es gut ist, anders zu sein“. Dabei liegt die Tragik der Figuren gerade darin, dass ihre Andersartigkeit sie eint und gleichzeitig trennt. Niels Liebe, der  mit seinem Intellekt alles kaputt analysiert, und Sanela, die mit ihrer Wut um sich schlägt, bis jedes Glück zerstört ist. Lena Gorelik rollt ihre Geschichte von hinten auf, mit dem Ende, weil klar ist, dass es für diese beiden kein Happy End geben wird. Happy Ends ertragen sie eh nicht, selbst der kleine Niels-Tito nicht, der keine Gute-Nacht-Geschichten hören will, die nicht vom wahren Leben handeln und „Im wahren Leben, das weiß oder ahnt das Kind schon mit vier Jahren, geht selten etwas gut aus.“

Dabei bleibt die Geschichte in ihrer eigenen Romanhaftigkeit etwas starr verhaftet. Nils Liebe ist das ganze Buch lang „Nils Liebe“ – ein Vor- und ein Nachname, untrennbar, gewichtig wie ein schlechtes Omen. Wenn Nils Liebe und Sanela bei ihrer ersten Verabredung in einer Buchhandlung verschwinden und sich gegenseitig Zitate von Beckett bis Brecht zeigen (noch können sie die Sprache des anderen nicht), dann wirkt dies nicht ganz unmöglich, aber doch nicht ganz glaubhaft. Dennoch wünscht man sich, es wäre so. Weil es eine schöne Vorstellung ist, so wie man sich Romantik zwischen zwei Außenseitern vorstellt. Dass es nicht pathetisch wirkt, liegt an Lena Goreliks wacher, austarierter Sprache. Jedes Wort scheint präzise platziert und mit Bedacht gewählt. Der Erzählton ist so eigenwillig wie ihre Protagonisten und deshalb kann man sich ihrer Andersartigkeit auch nicht entziehen.

Und für melancholische Liebesgeschichten braucht man natürlich auch einen melancholischen Soundtrack beim Lesen (ich sach‘ nur: Hallo Herbst!)

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6 Kommentare zu “„Null bis unendlich“ von Lena Gorelik

    • Hi Janine, ich denke, das in jedem Menschen etwas von Nils Zynismus und Sanelas Zerstörungswut steckt. Das heißt, auch wenn ich die Figuren nicht gerade liebenswert fand, konnte ich man doch gut mit ihnen identifizieren. Ich würde den Roman kein zweites Mal lesen (tue ich eigentlich nie), aber ihn weiterempfehlen, wenn man auf literarische, melancholische Beziehungsromane steht, die nicht Mainstream sind. Herzlich, Karo

  1. Hallo Karo,
    über das Buch habe ich auch schon mal nachgedacht, werde es aber wohl erstmal doch weglassen. Habe gerade andere Prioritäten. Aber die Besprechung hat mir gut gefallen – und ob ihrer Klarheit die Entscheidung leicht gemacht. Übrigens, diese Musik ist sehr schön.
    Danke und liebe Grüße
    Kai

  2. Der Song ist super schön und fängt die Stimmung des Romans sensationell ein.
    Hab ihn gleich zweimal gehört.
    Ich frage mich, ob ich das Buch ein zweites Mal lesen würde? Könnte ich jetzt gar nicht sicher sagen, vielleicht aber doch! Weil man ja immer noch etwas entdeckt. Ich habe alle drei Figuren sehr gemocht, ganz besonders aber den kleinen Nils-Tito.

    • Freut mich, dass du den Song auch so schön findest 🙂 Ich sehe die Figuren aus dem Roman richtig vor mir, wenn ich ihn höre.
      Zumindest gab es einige Sätze, die ich gleich mehrmals gelesen habe, weil sie so vollkommen sind, z.B. „Diese beiden waren nie Kinder gewesen. Sie werden zumindest den Versuch unternehmen, Jugendliche zu sein.“ Lena Gorelik hat wirklich ein ganz besonders Gespür dafür, das auszudrücken, wofür es eigentlich keine Worte gibt.

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